Vorträge
Geschlechtergerechtigkeit in der Schule? Drucken E-Mail
Der Bremer Frauenausschuss stellt zur Diskussion:

Geschlechtergerechtigkeit in der Schule?
Chancen und Grenzen der Koedukation

Ein Bericht von Renate Meyer-Braun,
Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des BFA

Unter dem obigen Titel fand am 25. Februar 2008 eine gut besuchte Podiumsdiskussion im Alten Fundamt im Steintorviertel statt. Das Podium war mit je einer Vertreterin aus Politik, Wissenschaft und Schulpraxis kompetent besetzt: Renate Jürgens-Pieper, Senatorin für Bildung und Wissenschaft, Gudrun Spitta, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Uni Bremen, Anne Creutz, Lehrerin für Mathematik und Soziologie am Schulzentrum Rübekamp. Als Expertinnen waren die Schülerin Marlene Borcherding von der Gesamtschule Mitte und Antje Moebus vom Zentralelternbeirat geladen. Moderiert wurde die Veranstaltung von Christine Krause. Die Senatorin zeigte sich problembewusst, indem sie anfangs nüchtern konstatierte, dass die in den 1960er Jahren eingeführte,  als Bildungsreform allseitig akzeptierte Koedukation inzwischen in der Praxis Schattenseiten offenbart habe; zwar gebe es seit den 80er Jahren in der pädagogischen Theorie den Begriff der reflexiven Koedukation, aber "wenn das man so wäre mit der Reflexion!" Anne Creutz stellte fest, dass von Koedukation als "Erziehungsprinzip einer gemeinsamen Erziehung von gleichberechtigten Menschen" nicht gesprochen werden könne, es gebe lediglich eine Ko-Instruktion. Gudrun Spitta wies darauf hin, dass Koedukation zwar auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte für Mädchen sei, die heute zu einem größeren Prozentsatz als Jungen Abitur machten und zahlenmäßig an den Hochschulen etwa gleich stark vertreten seien, aber bei den  Berufschancen weit abgeschlagen hinter den jungen Männern lägen. "Nach dem Examen kommt der Bruch."  In der Professorenschaft von Universitäten und Fachhochschulen sowie in den Führungsetagen der Wirtschaftsunternehmen seien Frauen auch mit besten akademischen Qualifikationen völlig unterrepräsentiert, in der Bundesrepublik weit mehr so als im EU-Durchschnitt. Dass heißt also, die koedukative Schule hat es nicht geschafft, die traditionellen Rollenklischees abzubauen. Sie werden nach wie vor in gängigen Schulbüchern reproduziert, Lehrerinnen, die Mathematik-Leistungskurse in der Oberstufe anbieten, werden von männlichen Schülern skeptisch beäugt, Eltern, die eine geschlechtergerechtere Schullektüre fordern, werden als Störenfriede empfunden. Die Kommunikation zwischen Lehrpersonal und Schülern im Unterricht wird, das zeigen Hospitationen, in aller Regel von den Jungen dominiert, auch wenn Lehrer oder Lehrerinnen das anders wahrnehmen.  "Jungen stören eben", rechtfertigte eine Lehrerin aus dem Publikum dieses Verhalten. Nun könne man die festgestellte  Schieflage nicht allein der Lehrerschaft in die Schuhe schieben, warf die ehemalige Koedukationsbeauftragte in der bremischen Schulbehörde, Hilke Emig, ein, vielmehr sei sie Ausdruck der gesellschaftlichen Strukturen, die trotz mancher Fortschritte eine echte Gleichstellung der Geschlechter nicht aufwiesen. Die Frage von Jungen als angebliche Verlierer und Mädchen als angebliche Gewinnerinnen sei nicht nur eine Geschlechterfrage wurde von anderer Seite ergänzt, sondern eine Schichtenfrage. Bildungsferne bzw. bildungsnahe Elternhäuser, also die soziale Herkunft, spielten für den Lebenserfolg von Jungen und Mädchen eine größere Rolle als Schule.

Auch die Frage eines zeitweise geschlechtergetrennten  Unterrichts wurde aufgeworfen und  für Fächer wie Sport - nicht nur während der Pubertätsphase- , Sexualkunde, Naturwissenschaften durchaus für sinnvoll gehalten. Die Schülervertreterin berichtete z.B. von Fußball für Mädchen an ihrer Schule, "die Jungs hauen einen glatt vom Hocker beim Fußball, die haben einfach mehr Körperkräfte" "Gegrabsche" gebe es allerdings nicht nur im Sportunterricht. Getrennter Informatikunterricht kann sich sehr positiv auf das Selbstvertrauen von Schülerinnen auswirken, nach Rückkehr zum alten System wegen Kürzung von Lehrerstunden stellt sich das alte Rollenverhalten schnell wieder her: die Jungen drängen an die Computer, und die Mädchen lassen es zu. So die Erfahrung am Schulzentrum Rübekamp.

Jungen können übrigens durchaus ein Problem mit der von ihnen erwarteten, medial stark vermittelten "Macker"-Rolle haben. Auch das müsse reflektiert werden.

Insgesamt ergab sich der Eindruck: Wir waren schon mal weiter. Die Gendersensibilität, also dass Bewusstsein dafür, dass Mädchen und Jungen unterschiedliche Bedürfnisse haben, dass pädagogisches Handeln sich unterschiedlich auf Mädchen und Jungen auswirkt, dass Lehrkräfte auch Männer und Frauen sind und keine geschlechtslosen Wesen, ist offenbar zurückgegangen. Man bzw. eher frau wird als ewige Nörglerin stigmatisiert, wenn sie das Thema anschneidet. "Die schon wieder!" stöhnen die Kollegen und auch Kolleginnen.

Ergebnis des Abends: Das Fragezeichen im Veranstaltungstitel – "Geschlechtergerechtigkeit in der Schule?" - ist begründet. Als Forderung kann zusammengefasst werden: die Thematik Geschlechterdemokratie als Angelegenheit, die Frauen und Männer angeht,  muss  verbindlich in Lehrpläne an Schulen, in Prüfungsordnungen von Lehramtstudiengängen und in Ausbildungsrichtlinien von Lehrerfortbildung festgeschrieben werden. Die Senatorin schien am Ende beeindruckt und versprach, das Thema in die Beratungen über den Schulentwicklungsplan einzubringen und mit dem Landesinstitut für Schule und der Universität zu diskutieren, um die auf diesem Gebiet bestehenden Defizite abbauen zu helfen.

Dass die Frage der Koedukation nach wie vor relevant ist, zeigte nicht nur der gute Besuch der Veranstaltung sondern auch die Diskussionsfreude des Publikums. Der Bremer Frauenausschuss tat recht daran, das Thema, das in seiner letztjährigen Delegiertenversammlung angesprochen worden war,  aufzugreifen und öffentlich zu machen.

 

 

 
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Festvortrag von Dr. Hella Baumeister zum Internationalen Frauentag am 8. März 2007 anlässlich der Festveranstaltung in der Oberen Rathaushalle.

Arbeit_fuer_Frauen_Dr_Hella_Baumeister.pdf (115 KB)

 

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